Jüdische Literatur

Andreas Thiemig

Die jüdische Literatur weist eine längere Geschichte als die des christlich geprägten Abendlandes auf, weil die Wurzeln der jüdischen Religion etwa um 1.500 vor Christus datiert werden. Bedeutsam ist die jüdische Literatur vor allem, weil das jüdische Volk bereits seit dem 1. Jahrhundert nach Christus weltweit verstreut wurde, seither mit der Diaspora vertraut ist und sein künstlerisches Wirken eingebettet in die Völker, Religionen und Ethnien der jeweiligen Umgebung verstanden werden muss. Dennoch leugnen jüdische Autoren niemals ihre Wurzeln, sondern bekennen sich voller Stolz zu ihnen, auch wenn ihre Literatur absolut diesseitig auf ihre gegenwärtige Umgebung gerichtet ist. Ein Beispiel hierfür ist der amerikanische Bestsellerautor Philipp Roth.

Jüdische Literatur der jüngeren Geschichte

Das schriftlich niedergelegte hebräische Wort mit seinen Wurzeln im Talmud führte etwa im 13. Jahrhundert zur jiddischen Literatur, die sich in mehreren Epochen bis zur jüdischen Aufklärung, der Haskalah um 1800 entwickelte. Schon um diese Zeit entstand ein bedeutsamer Zweig der jüdischen Literatur in Nordamerika, wo sich eine starke jüdische Gemeinde bildete. Das Jiddische als Sprache wurde vor allem in Osteuropa bis tief nach Russland hinein gepflegt, in Westeuropa assimilierte sich das Westjiddische vor allem mit den Hochdeutschen, wodurch eine vergleichbar eigenständige Literatur – bis auf einzelne mundartliche Richtungen – nicht entstand. Bedeutende jüdische Autoren des 20. Jahrhunderts finden sich folgerichtig in Russland, hierzu zählt man Aleksandr Abramovic Bejderman und Josef Opatoschu, in Polen (Isaak Kazenelson) und in den USA (Isaac Bashevis Singer – Literaturnobelpreis 1978).

Jüdische Literatur und Sho’ah

Der Holocaust (aus dem Griechischen für “völlig verbrannt”, ὁλόκαυστον, holókauston), der nicht nur die Juden betraf, wird von diesen von ihrer Sho’ah getrennt betrachtet, dem altbiblischen Unheil, das sich explizit gegen das Volk Israel richtet. Diese Differenzierung macht deshalb Sinn, weil die Sho’ah aus jüdischer Sicht möglicherweise zum Schicksal der Israeliten gehört, während der Holocaust dem Rassenwahn der Nazis entsprang, der auch andere Völker wie etwa die Sinti und Roma sowie Osteuropäer betraf. Die begriffliche Trennung ist jedoch auch unter jüdischen Autoren umstritten. Diese reagierten auf dieses unerhörte Ereignis der Weltgeschichte mit erschütternden Werken der unmittelbar Betroffenen wie dem 1944 in Auschwitz ermordeten Dramatiker Isaak Kazenelson, einem aktiven Teilnehmer des Aufstands, der im Warschauer Ghetto 1943 begann. Kazenelson schrieb in Hebräisch und Jiddisch, seine mit Mühe geretteten letzten Werke sind einmalige Zeugnisse der Sho’ah. Die im Ausland lebenden Juden wie Isaac Bashevis Singer reagierten metaphorisch, ohne sich dem Thema zu verweigern. Faktisch durch die gesamte jüdische Literatur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts schwingt die Sho’ah mit, aber niemand der Juden aus der Diaspora maßte sich je an, die Leiden der Holocaust-Opfer vollständig begreifen zu können.